Konvergierende Technologien

Führungskräften aus Politik, Akademie und Wirtschaft nahmen im Dezember 2001 an einer Konferenz der Nationalen Wissenschaftsstiftung (National Science Foundation) in Washington, D.C. teil, um eine Debatte über künftige Applikationen technologischer Neuerungen zu führen. Die Themen der angebotenen Seminare deckten ein breites Interessenspektrum ab. Im Vordergrund der Gespräche stand das realistische Abwägen der Möglichkeiten, die sich aus der Konvergenz verschiedener Technologien und Wissenschaften ergeben würden. Wissenschaftler referierten nicht nur über die Chancen einer expotentiellen Erweiterung menschlicher Erkenntnis, sondern sprachen auch über die Pläne einer weltumspannenden Vernetzung von Informationszentren, der Optimierung des Gesundheitssystems und der Steigerung nationaler Sicherheit.

Gemeinsam mit der Nationalen Wissenschaftsstiftung veröffentlichte das amerikanische Wirtschaftsministerium 2002 die zukunftsweisende Studie Converging Technologies For Improving Human Performance: Nanotechnology, Biotechnology, Information Technology, and Cognitive Science. In diesem 405-seitigen Forschungsbericht geben die Herausgeber, NSF Beauftragte für Nanotechnologie Mihail Roco und Direktor der NSF Abteilung für Information- und Aufklärungssysteme William S. Bainbridge, zunächst einen allgemeinen Überblick des gesamten Forschungsfeldes, das anschließend anhand zahlreicher Essays thematisch näher beleuchtet wird. In einem kurz umrissenen Ausblick wenden sie sich den technologischen Entwicklungen der kommenden zwei Jahrzehnte zu und resümieren, dass das 21. Jh. sich qualitativ wie quantitativ von allen wissenschaftlichen und technologischen Errungenschaften der Vergangenheit abheben würde. Es stünde in Aussicht, dass man enorme Fortschritte in vielen Wissenschaftsbereichen erzielen würde. Beispielsweise könne eine vernetzte Gesellschaft einen wichtigen Beitrag im Überwinden sozialer und politischer Krisen spielen. Technologischer Fortschritt spiele künftig eine Schlüsselrolle im Verhindern von sozialer Desintegration in den Gettos der Großstädte. Darüber hinaus würde eine weltumspannende Vernetzung kommunikativer Medien kooperative Wissenschaftsprojekte fördern, die ihrerseits wieder einen wesentlichen Anteil an der politischen Vereinigung aller Nationalstaaten haben würde: Technologische Konvergenz biete die Rahmenbedingung für menschliche Konvergenz. Dass die Welt des 21. Jh.s im allgemeinen Frieden und Wohlstand leben wird, stünde durchaus im Bereich des Möglichen.

Die evolutionäre Entwicklung des Menschen brächte ein höheres Maß an Mitgefühl und Leistungsfähigkeit hervor. Normale Gesundheitszustände seien um ein Mehrfaches optimierbar. Der menschliche Körper würde ausdauernder, gesünder, kraftvoller und leichter zu heilen sein. Zudem würde er resistent werden für viele Arten des Stresses, der biologischen Bedrohung und des Alterungsprozesses. Selbst debilitierende Körperbehinderungen könnten mittels konvergierender Technologie teilweise beseitigt werden. Repräsentativ für eine ganze Litanei anderer Applikationen erwähnen die Herausgeber die baldige Verfügbarkeit tragbarer Sensoren, die den Gesundheitszustand eines Menschen permanent überwachen würden. Bei auftretender Störung wichtiger Körperfunktionen würden sofort Alarmsignale ausgelöst. Effektive Heilmaßnahmen könnten dann rechtzeitige ergriffen werden.

Als Meilensteine technologischer Entwicklung schenken Roco und Bainbridge den utopischen Visionen Ray Kurzweils wohlwollend Glauben. Kurzweil, ein vielseitig engagierter Technologe, setzt seine Hoffnung auf die radikale Umgestaltung der globalen Gesellschaft in die ubiquitäre Applikation neuartiger Robotertechnologie, die in ihrer universalen Funktionalität alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen würde. Unverhohlen offeriert er einen phantasievollen Ausblick in die Zukunft. Warum sollte es nicht plausible sein, künftig in einer Welt zu leben, die von zahlreichen Robotern bevölkert sein würde? Diese dem Menschen täuschend ähnlich aussehenden Maschinen seien so genial konstruiert, dass sie sich automatisch in Form und Farbe dem Wetter anpassen würden. Selbstverständlich könne man die Persönlichkeit längst verstorbener Menschen auf die computerisierten Schaltzentralen dieser Roboter übertragen. Somit rücke die Umpolung des Sterbeprozesses in den Bereich des Denkbaren.
Die Idee einer Fusion menschlichen Bewusstseins mit künstlicher Intelligenz wird untermalt mit einer fast unglaublich klingenden Vision: der Vernetzung von Gehirnzellen vieler, vielleicht sogar aller Menschen. Die Übertragung der in Gehirnen gespeicherten Information auf Rechnersysteme stellt man sich in absehbarer Zeit als durchaus machbar vor, damit menschliche Persönlichkeitsstrukturen in Form elektromagnetischer Daten der Nachwelt erhalten bleiben. Somit könne dem vergänglichen Menschen eine Art Unsterblichkeit garantiert werden.

Um keine illusorischen Hoffnungen zu wecken, beschränken sich die Autoren in ihrer Diskussion auf die Möglichkeit einer lokal begrenzten Verwirklichung dieser Idee. Alles darüber Hinausgehende, wie etwa die Vorstellung „einer globalen kollektiven Intelligenz“ , läge bislang noch im Bereich des Spekulativen. Dennoch erheben sie das Ziel der Kollektivierung globaler Intelligenz – metaphorisch “globales Gehirn” genannt – zum Status höchster Dringlichkeit. Man ist sich durchaus bewusst, dass die Menschheit im Ausbau eines einzigen, transzendenten “Nervensystem” vor gewaltigen Herausforderungen stehen würde, denn die zerebrale Vernetzung übersteige um ein Vielfaches die kommunikative Funktionalität des Internets als bidirektionales Informationsmedium. Dieses „Gehirn“ eröffne völlig neue Möglichkeiten, die Weltgesellschaft auf rein rationaler Basis umzugestalten. Die konvergierenden Technologien böten zumindest die Aussicht, die physische und kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen in bisher unerreichtem Maße zu steigern.

Sollten die Vereinigten Staaten nicht den nötigen Willen aufbringen, die NBIC Wissenschaften und Technologien zu fördert, befürchtet James Canton, der Präsident des in San Francisco ansässigen Instituts für Globale Zukunft und Mitorganisator des Kongresses, ein rapides Absinken des nationalen Wirtschaftswachstums. Sie riskiere den Verlust ihrer globalen Vorherrschaft in diesen so wichtigen Bereichen der Volksökonomie. Technologie nivellierte die Produktionskraft individueller Menschen wie kollektiver Nationalstaaten. Die Steigerung der Wirtschaftskraft hänge nicht mehr in unmittelbarem Zusammenhang mit unternehmerischer Genialität und ausreichender Kapitalisierung. Die erfolgreiche Erschließung von finanzträchtigen Märkten liege vielmehr in den Händen einer neuen Klasse von technologisch versierten Entrepreneurs. Frühe Anwender der Nano- und Biotechnologie würden sich im Konkurrenzkampf deutliche Vorteile verschaffen. Die für das optimale Funktionieren einer Weltwirtschaft so wichtige Voraussetzung einer effizienten Informationstechnologie dürfe in diesem Transfer von altem Reichtum in die Hände neuer Besitzer nicht übersehen werden. Canton zufolge stände die Grundlage einer „ganz anderen Ökonomie“ im Begriff, aus der Retorte gehoben zu werden. Es wird eine umfassende Erneuerung im Wirtschaftsgefüge geben.

Die Verfasser sind sich bewusst, dass der Skepsis vieler Europäer an der Machbarkeit einer Techno-Utopie Rechnung getragen werden muss. Nicht jeder schaute einer posthumanen Zukunft mit Begeisterung entgegen. Zweifel werden erhoben, ob die Technologie im Allgemeinen nicht jetzt schon an gewisse Grenzen gestoßen sei, die unüberwindlich sind. Dass man je von einem wirklichen Computer-”Bewusstsein” sprechen kann, läge – so die Skeptiker – im Bereich des nie Erreichbaren. Die enorme Komplexität des Gehirns könne nie euch menschliche Technik dupliziert werden. Umgekehrt sei unser Auffassungsvermögen nicht dazu angelegt, die Informationsflut zu verarbeiten, die ein Rechner in die Hirnzellen senden würde. „Die menschliche Physiologie sei einfach nicht für diesen in Lichtgeschwindigkeit übertragenen Datenstrom konzipiert,“ gibt der Globalisierungsgegner und Biotechnologieexperten Jeremy Rifkin zu bedenken.

Obgleich Rifkin das Anliegen der Studie für ein Forcieren interdisziplinärer Forschung teilt, müsse die Gesellschaft dennoch sorgfältig wählen zwischen dem technologisch Machbaren und dem eigentlich Wünschenswerten. Ein sorgfältiges Abwägen der potentiellen Kehrseite eines undisziplinierten Fortschrittdrangs müsse immer oberstes Gebot sein. Denn ein unbedachtes Vorwärtsgehen mag unwiederbringlichen Schaden verursachen – besonders in der Biotechnologie. Deshalb fordert Rifkin ein summarisches Verbot genetisch manipulierten Getreides. Zudem seit es ethisch kaum vertretbar, Fötusse in künstlichen Gebärmuttern zu züchten.

Wie Rifkin erhebt Bill Joy, Manager von Sun Microsystems, eine warnende Stimme. Fortschrittliche Technologie könne ihre eigene Katastrophe auslösen. Vorstellbar sei das Schreckensszenario, dass sich eine Art Roboter im Nanobereich selbstrepliziere und die Welt in einem so genannten „Gray goo“ verschlingen könne. Selbst die Drehbuchautoren der Fernsehserie „Star Trek: The Next Generation“ deuten auf potentielle Probleme hin: die bösartigen Borgianer weigern sich zu einer Gesellschaft umfunktioniert zu werden, die von einem einzigen Gehirn gesteuert wird.

Roco et. al. äußerten sich kritisch über das zögernde Verhalten der öffentlichen Hand, mit großzügigen Zuwendung das Projekt der konvergierenden Technologien zu finanzieren. Vor dem Ausschütten knapper Ressourcen zur Förderung technologischen Fortschritts müsse das Potential politischer Repression bedacht werden. Die ungerechte Verteilung sozial-ökonomischer Macht stünde nicht nur im Bereich des Möglichen, sondern sei in Einzelaspekten bereits Realität. Ethische Fragen dürften nicht einfach unter den Tisch gekehrt werden; sie zu beantworten, sei oberste Pflicht der Gesetzeshüter und Politologen. Utilitaristische Erwägungen seien in der Erforschung und Anwendung des Klonens, der embryonalen Stammzellenforschung und genetischen Technologie fehl am Platz; akzeptable Lösungen müßten gefunden werden, um angebrachte Formen der Gesundheitsoptimierung zu finden; im Weiteren müsste abgeklärt werden, wer von ihr profitieren sollte. Der Bericht Converging Technolgies (2002) weißt auf die Notwendigkeit einer in der Öffentlichkeit geführten Debatte über die ethischen Aspekte dieser respektiven Technologien hin. Große Anstrengungen müssten unternommen werden, um die Menschrechte zu schützen und die Armut zu bekämpfen.

Phil Kuekes, ein Forscher an den Hewlett-Packard Laboratorien, lenkte die Aufmerksamkeit der am Workshop teilnehmenden Wissenschaftler auf die Feststellung, dass eine technologische Weiterentwicklung keine “Entweder-oder”-Angelegenheit sei. Obgleich neue Technologien einem Schwert gleich stets eine scharfe Klinge haben, gehöre jedoch die Vorstellung von selbst-replizierenden Nanobots, die außer Kontrolle geraten könnten, in den Bereich der Science Fiction. Das unsinnige Gerede über die Eventualität eines „Gray Goo“ sei nicht glaubwürdig.

Weiter gibt Kuekes zu bedenken, dass die Möglichkeit der Übertragung des Bewusstseins spekulativ sei, behauptet aber dennoch, dass der Bericht im Allgemeinen auf empirischer Wissenschaft gründe. Sein Labor experimentiert z.B. mit elektronischen Geräten, die aus wenigen Molekülen zusammengesetzt sind. Da diese tausend bis zehntausend Mal kleiner sind als die herkömmlichen Silikon-basierten Umläufe, könne man ein Speichergeräte konstruieren, dass fähig wäre, die ganze Literaturbestände des “Library of Congress” in einem Gerät abzuspeichern, das auf das Handgelenk einer Person passen würde.

Um diese Art der Forschung voranzutreiben, hofft Canton, dass politische Führer die konvergierenden Technologien zu einer nationalen Initiative machen. Der vor einigen Jahren getroffene Entschluss der amerikanischen Regierung, die Nanotechnologie mit Forschungsgeldern in Höhe einer jährlichen Summe von ca. $600 Million Dollar zu subventionieren, müsse repliziert werden. Dies verhalf dem einst obskuren Wissensgebiet der Nanowissenschaft, sich zu einem großen Spieler zu entpuppten.

Kuekes sehe es gerne, wenn der Bericht Converging Technologies eine ernsthafte Debatte unter Politikern, Vertretern der Öffentlichkeit und Studenten anfachen würde, die die Verantwortung für den Fortgang der Wissenschaft in wenigen Jahren übernehmen werden. Dies sei mitunter ein Grund, wieso die hinter dem Bericht stehenden Technologieführer den Mut gefasst haben, weit in die Zukunft zu schauen, und dabei Gefahr laufen, ausgelacht und gemaßregelt zu werden. „Es ist unverkennbar, dass [der Bericht] stark zukunftsorientiert sei,“ sagte Kueckes. „Die Gruppe, die diesen Bericht herausgab, streckte ihren Hals weit nach vorne aus.“

Angeschichts der rapiden technologischen Weiterentwicklung in der Informatik und der Nanotechnologie und der bereits hitzigen Debatte im Bereich der Gentechnologie bieten wir aus interdisziplinärer Perspektive eine geistesgeschichtliche Analyse des Transhumanismus an. Wir meinen, die philosophischen Wurzeln des Transhumanismus greifen weit zurück in die Zeit der griechischen Philosophie, der Hermetik, des Gnostizismus und des Neoplatonismus. Diese Gedankensysteme beanspruchen für sich, Erben der „prisca theologia“, der altertümlichen Theologie, zu sein, die sich die „Göttlichkeit“ des Menschen zum höchsten Ziel setzte. Über viele Jahrhunderte wurden die mystischen Sagen von Adepten propagiert, die oft zur heidnischen Priesterkaste gehörten und mit der Aufgabe betraut waren, ihre arkanen Geheimnisse in mündlichen Überlieferungen zu bewahren. Von Zeit zu Zeit traten die wohl gehüteten Mysterien ans helle Tageslicht, um zuerst das Denken intellektueller und kultureller Eliten zu durchdringen. Erfüllt von der mystischen Vision einer vollkommenen Welt verbreiteten die der sozialen Oberschicht angehörige religiöse Avantgarde ihre esoterische Kenntnisse an die breiten Massen.

Einige historische Epochen – oft Übergangszeiten wie die hellenistische Ära, das Spätmittelalter, die Renaissance und die Aufklärung – haben sich durch ein fieberhaftes Interesse an religiöser Beschaulichkeit ausgezeichnet. Diese epochalen Zeitalter legten in der einen oder anderen Form die philosophische und religiöse Grundlage des im 18. Jh. aufkommenden mechanistischen Weltbildes, der sich im 19. Jh. ausbildenden Vorstellung einer fortwährenden menschlichen Evolution, des sich im 20. Jh.s durchsetzenden Glaubens an eine allmächtige Wissenschaft und der sich im 21. Jh. anschließenden Entwicklung der Nanotechnologie. Diese geistesgeschichtliche Fluchtlinie wirft ein Licht auf die zentrale Frage, die der transhumanistischen Futurologie so wichtig erscheint wie die Gentechnologie und die Nanomedizin. Worin zeichnet sich das Wesen des Menschen aus? Und wie kann es verändert werden?

Comments are closed.