Die transhumanistische Vision eines Übermenschen (1)

In seinem 1922 erschienen Science-Fiction Roman The Chess Men of Mars beschreibt Edgar Rice Burroughs die Bewohner des Mars, die in ihrer Entwicklung so fortgeschritten sind, dass sie die Kontemplation über alles schätzen und nur aus Köpfen bestehen. Ihre Lebensfunktionen sind soweit fortgeschritten, dass sie keinen Bedarf mehr für Sauerstoff und Nahrungsmittel haben. Als Fortbewegungsmittel bedienen sie sich der Körper kopfloser Kreaturen. Burroughs schriftstellerische Popularität stellt unter Beweis, dass Menschen sich an der Imagination solcher futuristischer Kreaturen und Gesellschaften ergötzen können. Heutzutage meinen jedoch viele Wissenschaftler, Mediziner und Philosophen, dass die der reinen Fantasie entsprungen Ideen, realistische Hoffnungen wecken, in den nächsten Jahrzehnten verwirklicht zu werden. Die „Mind Uploading Home Page“ beschäftigt sich z.B. „mit dem zukünftigen Übertragungsprozess der im Gehirn gespeicherten Information vom natürlichen Trägermaterial auf ein künstliches“, und spekuliert, dass „die Manufaktur, der Vertrieb und das Ausleihen von Körperteilen ein großes Geschäft sein wird“ , falls die elektronische Informationsübertragung des Gehirns entwickelt werden könne.

Die Integration von Mensch und Maschine ist nicht nur ein Traum der wissenschaftlichen und akademischen Elite. Die Vorstellung von intelligenten Maschinen und Rechnern, die das menschliche Denken manipulieren, sind jüngst durch Spielfilme wie „Short Circuit,” „The Matrix,” und „Eternal Sunshine of the Spotless Mind” populär geworden. Der 2002 im Kino gezeigte Spielfilm „Star Trek Nemesis“ vermittelte die sublime Botschaft, dass das Bedeutsame am Menschsein in der Erweitung der eigenen Fähigkeiten liege. In einer Welt, die populäre Sci-Fi Spielfilme höchst unterhaltsam findet und sich geradezu von den irrealen Elementen fesseln lässt, blüht ein Segment posthumanen Denkens auf, dass sich schnell unter Befürwortern ausbreitet.

Transhumanisten stellen sich eine Welt der vollendeten und totalen Freiheit vor, die jedem offen steht, – eine Welt der dezentralisierten Macht, der absoluten Demokratie. Jegliche Art des äußeren Zwangs wird abgeschafft. Sie sprechen ihre Überzeugung unverblümt aus: Weder ein Mensch noch ein Gott kann uns in eine „Zwangsjacke“ stecken. Nur wir selbst haben Verfügungsgewalt über unser Leben. Wir haben es selbst völlig im Griff.

Transhumanisten stellt sich weiter vor, dass in der Zukunft die Bewohner dieser neuen Welt unsterblich sein würden. Sie seien fähig, ewig zu leben. Technologische Verbesserungen des menschlichen Körpers ermöglichten die Überwindung von Tod und Vergänglichkeit. Verstorbene vergangener Zeiten, die sich cryonisch einfrieren haben lassen, würden wieder zum Leben zurückgebracht. Menschliche Körper würden nur noch als äußere Verpackung der Gehirnmasse angesehen, die leicht austauschbar sind. Die im Gedächtnis gespeicherte Information würde auf eine Computerfestplatte „übertragen“ und dann vom Gehirn eines anderen Körpers „abgerufen“. Ganze Körperteile seien nach individuellem Wunsch biotechnisch konfigurierbar. Winzige Apparate von der Größe eines oder mehrerer Moleküle würden dem Körper injiziert, um Fehlfunktionen im Inneren zu reparieren. Regenerative Substanzen würden lebenswichtige Organe vitalisieren und einen störungsfreien Fortgang ihrer Funktionen garantieren. Lebensbedrohliche Krankheiten wie Herzversagen, Krebs und Gehirnschlag gehörten der Vergangenheit an. Um den Intelligenzgrad zu erhöhen und das Erinnerungsvermögen zu steigern, stünden tausenderlei Psychopharmaka zur Verfügung. Die menschliche Denkfähigkeit würde um ein Vielfaches verbessert. Die Synthese Mensch/Technologie würde immer weiter ihrem Optimum entgegengeführt, so dass wir der nächsten Stufe im Evolutionsprozess näher kommen. Wir sähen uns als posthumane Menschen. Die Zukunft stünde vor der Tür und verspräche uns unbegrenzte Transformation unseres Wesens. Wir seien nicht unumgänglich an eine menschliche Existenz gebunden, wenn wir nur bereit sind, unser Menschsein aufzugeben, um ganz neue, synthetische Lebensformen anzunehmen.

So utopisch diese Beschreibung auch erscheinen mag, sie ist nicht der neuesten Episode des Raumschiffes Enterprise oder einer Szene aus der Trilogie „Krieg der Sterne“ entnommen. Sie kennzeichnet vielmehr die Vision eines optimistischen Kontingents humanistischer Futurologen, die sich Extropianer nennen. Und sie betrachten sich selbst als diejenigen, die an vorderster Front der soziologischen, biologischen, philosophischen und technologischen Forschung stehen.

Extropianismus
Der Extropianismus ist kaum 20 Jahre alt. Seine Anhängerschaft, die sich aus den ca. 300-400 Mitgliedern des Extropy Institute zusammensetzt, übt als ein Kontingent der viel größeren „World Transhumanist Association“ , einen wachsenden Einfluss in Amerika aus. In seinen Reihen tummeln sich Informatiker, Akademiker, Ärzte, Ingeneure und sonstige Technokraten. Max More und Thomas Morrow gründeten das Extropy Institute Ende der 80er Jahre, stellten aber die institutionellen Aktivitäten Ende 2006 wieder ein, um im Einklang mit ihrem „Strategic Plan 2006“ transformationelle Veränderungen einzuleiten. Die Absicht ist, die transhumanistische Vision der Extropianer das „Proactionary Principle“ mittels verschiedener kommunikativer Medien und organisatorischer Netzwerke zu propagieren.
Obgleich die Extropianer in der westlichen Gesellschaft bislang noch keine großen Wellen geschlagen haben, gelang es ihnen doch die Aufmerksamkeit prominenter Wissenschaftler auf sich zu ziehen. Die bekanntesten seien hier genannt: Nanotechnologe Eric Drexler, AI (Artificial Intelligence)-Theoretiker Marvin Minsky und der Philosoph Nick Bostrom. Sie hegen alle den gleichen Wunsch, die Vision der Computer-Pioniere, die „Cyberspace“-Philosophie, zu realisieren: es handelt sich dabei um ein unerbittliches Streben nach völliger Freiheit im Gestalten der eigenen Realität und eine Aversion gegen alle kulturellen und naturgesetzlichen Begrenzungen. Auf diese Vision werden wir im Folgenden näher eingehen.

Das Wort Extropie ist das Antonym von Entropie, einem dem Griechischen entnommenen Terminus für „umkehren, umwenden (entrepein). Entropie ist die Zustandsgröße der Thermodynamik, bezeichnet aber auch das Maß der „Unordnung“ in einem abgeschlossenen System, also dem Grad des Zerfalls. Das Zweite Thermodynamische Gesetz besagt, dass in einem geschlossenen System (z.B. dem Universum) die Unordnung stets zunimmt, bis jede verfügbare Energie verbraucht ist. In einfachen Worten ausgedrückt bedeutet dies, dass alle komplexen Gebilde des Kosmos mit der Zeit in sich zusammenbrechen. Dieser Vorgang des Zerfalls betrifft den Menschen ganz existentiell. Er stirbt und wird wieder zu Staub. Nach Meinung der Extropianer entspringt das Paradigma der Entropie einer negativen Philosophie, die das menschliche Potential nicht richtig zur Geltung kommen lässt, ja, es geradezu hemmt. Was wir brauchen, so sagen sie, ist eine positive Philosophie der Hoffnung und der Selbsttransformation, eine Philosophie, die das menschliche Potential glorifiziert und die notwendige Grundlage schafft für Ideen, mit denen die Evolution der menschlichen Rasse gefördert werden kann. Obgleich die Extropianer bislang auf institutionelle Strukturen weitgehend verzichtet haben und jede Form des systematischen Dogmatismus ablehnen, geben sie sich doch anhand gemeinsamer Ideen und allgemeiner Prinzipien als ernstzunehmende Futurologen zu erkennen.

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