Die transhumanistische Vision eines Übermenschen (2)

Ein extropischen Wahlspruch lautet: „Nach vorne!, nach oben! nach außen!“. Dieser Slogan illustriert den optimistischen Grundzug einer humanistischen Metaphysik der Selbsttransformation. Das offizielle Programm, das in so genannten Extropianischen Prinzipien (Extropian Principles) zusammengefasst wird, stellt mehr als nur eine positive Zukunftsvision dar. Der Philosoph Max More identifiziert sich als maßgeblicher Verfasser. In seiner Rolle als Wortführer der Extropianer stellt er fünf Prinzipien zur Diskussion, die die Ziele des von ihm gegründeten Instituts darlegen. Im Analysieren der folgenden Punkte ist es wichtig, sich stets zu vergegenwärtigen, dass man sie nicht als abstrakte Theorien verstanden wissen möchte, sondern als solche, die dazu bestimmt sind, konkret ausgelebt zu werden. Nur so, meint More, könne die Selbsttransformation im Leben jedes einzelnen Extropianers und letztlich der gesamten Weltbevölkerung vollzogen werden. In diesen Prinzipien begegnet uns die posthumane Philosophie der Transhumanisten. Sie lauten folgendermaßen:

1) Grenzenloser Fortschritt (Perpetual Progress):
- Trachten nach größerer Intelligenz, Weisheit und Effektivität und einer unendlichen Lebensdauer.
- Abschaffen von politischen, kulturellen, biologischen und psychologischen Zwängen, die die Selbstverwirklichung behindern.
- Kontinuierliches Überwinden von Hindernissen, die sich gegen unseren Fortschritt und unsere Möglichkeiten stellen.
2) Selbsttransformation (Self-Transformation):
- Bejahen einer kontinuierlichen Selbstverbesserung unserer moralischen, intellektuellen und physischen Möglichkeiten mittels der Vernunft und dem kritischen Denken, der persönlichen Verantwortung und dem Experimentieren.
- Trachten nach biologischer und neurologischer Fortentwicklung.
3) Praktischer Optimismus (Practical Optimism):
- Aktivieren von dynamischen Vorgängen in Erwartung positiver Resultate.
- Bejahen eines rationalen, aktionsorientierten Optimismus.
- Abrücken vom blinden Glauben und stagnierenden Pessimismus.
4) Intelligente Technologie (Intelligent Technology):
- Kreatives Anwenden von Wissenschaft und Technologie, um ‚natürliche’ Grenzen zu überschreiten, die durch unser biologisches Erbe, unsere Kultur und Umgebung vorgegeben sind.
5) Offene Gesellschaft (Open Society):
- Unterstützung von dezentralisierter, voluntaristisch-sozialer Koordinationsprozessen.
- Fördern von Toleranz, Verschiedenartigkeit, Langzeitdenken, persönlicher Verantwortung und individueller Freiheit.
6) Eigenverantwortung (Self-Diretion)
7) Rationales Denken (Ration Thinking)

Hinter dem Akronym dieser fünf Prinzipien, BEST DO IT SO! (Tue es so am besten) verbirgt sich eine findige Verschlüsselung des Glaubenssystems der Extropianer. Oberflächlich betrachtet scheinen die fünf Prinzipien darauf abzuzielen, das Persönlichkeitswachstum zu fördern. Bei näherem Hinsehen tritt aber eine anarchistische Vision der Selbstzerstörung zutage. Wenden wir uns der individuellen Analyse der ersten vier Punkte zu.

Wie schon erwähnt, lauten die drei Aspekte des „Grenzenlosen Fortschritts“ verkürzt folgendermaßen: 1. Trachten nach größerer Intelligenz, Weisheit und Effektivität und einer unendlichen Lebensdauer; 2. Abschaffen von politischen, kulturellen, biologischen und psychologischen Zwängen, die die Selbstverwirklichung behindern; 3. Kontinuierliches Überwinden von Hindernissen, die sich gegen unseren Fortschritt und unsere Möglichkeiten stellen.

Es muss darauf hingewiesen werden, dass die kurz gefasste Formulierung der Prinzipien dazu tendiert, ihre eigentliche Bedeutung zu verschleiern. Wer würde schon behaupten wollen, er sei nicht auf der Suche nach „größerer Intelligenz und Weisheit“? Wer würde schon vorgeben wollen, sich gegen allen Fortschritt und jede Verbesserungsmöglichkeit zu stellen, wenn die Hindernisse überwunden werden können? Solange die eigentliche Bedeutung dieser extropianischen Absichtserklärungen verkannt wird, bleibt ihr wahrer Charakter unverständlich. Der extropianische Widerruf der Entropie ist Schlüssel zum Verständnis dieser Prinzipien. Betrachten wir die folgende Aussage, die die Bedeutung des „Grenzenlosen Fortschritts“ näher erläutert:

… [W]ir lehnen natürliche und traditionelle Grenzen ab, die uns in unseren Möglichkeiten einschränken. Wir befürworten den rationalen Einsatz von Wissenschaft und Technologie, um Beschränkungen der Lebensdauer, der Intelligenz, der persönlichen Vitalität, der Freiheit und der Erfahrung abzuschaffen. Wir sehen es als Absurdität an, wenn die ‚natürlichen Grenzen’ unserer Lebensdauer demütig akzeptiert werden … die unseren Ressourcen vorgegebenen Grenzen sind nicht unabänderlich.

Worauf beziehen sich nun die „natürlichen und traditionelle Grenzen“? Letztlich ist damit die Entropie gemeint.

Weiter sagen die Vertreter des Extropianismus:

Wir bemühen uns, den evolutionären Prozess der expandierenden Extropie aufrecht zu erhalten und zu beleben, um biologische und psychologische Grenzen auf unserem Weg zur Posthumanität zu überwinden.

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