Die transhumanistische Vision eines Übermenschen (3)

Das Überwinden der Grenzen unserer physischen Realität ist nach Meinung der Extropianer mehr als ein „Prozess”. Es sei der zur obersten Prämisse erhobene philosophische Widerruf der Entropie. Dem Extropianer erscheint alles, was mit Entropie zu tun hat, den Todesgeruch an sich zu haben. Deshalb muss die mit der Entropie verbundene Resignation betreffs der scheinbar unabänderlichen Gegebenheiten des Lebens aus unserem Denken und unserer Realität verbannt werden. Sollte nun jemand die Richtigkeit dieser Aussage anzweifeln, braucht er nur den folgenden Auszug eines 1990 im Extropy Journal veröffentlichen Artikel durchlesen. Ein anonymer Autor namens „A“ schreibt folgendes:


Nieder mit den Gesetzen der Schwerkraft! Wer gibt ihnen das Recht, sich meinem Willen zu widersetzen? Ich habe meine Loyalität dem Gesetz der Schwerkraft vorenthalten …
Nieder mit allen Gesetzen der Natur!
Die Schwerkraft, die elektromagnetische Energie, die starken und schwachen Nuklearkräfte – sie alle verschwören sich, um die menschliche Intelligenz zu zerstören. Unter wessen böser Fügung geschieht dies alles? Unter der Entropie …. Nieder mit der Entropie!
Nieder mit jeder Einschränkung!
Ich rufe nach der Höchsten aller Freiheiten. Kommt und wirft alle eure Ketten ab! Wir werden unseren eigenen Himmel erschaffen. Wir werden unsere eigenen Götter werden.

Wenden wir uns dem zweiten Prinzip, der „Selbsttransformation“, zu. Die zwei Aspekte lauten verkürzt: 1. Bejahen einer kontinuierlichen Selbstverbesserung unserer moralischen, intellektuellen und physischen Möglichkeiten mittels der Vernunft und dem kritischen Denken, der persönlichen Verantwortung und dem Experimentieren; 2. Trachten nach biologischer und neurologischer Fortentwicklung.

Für Transhumanisten/Extropianer ist die Selbsttransformation das eigentliche Prinzip. Es ist die oberste Zweckbestimmung des Menschen. Den Extropianern zufolge steht das Individuum ohne Gott einsam inmitten eines immensen Universums und muss sich nun selbst „verwirklichen“; es trägt die alleinige Verantwortung, seine eigenen Maßstäbe und Normen zu schaffen. Ein bereitwilliges Beugen unter Direktiven, die ihm von außen aufgezwungen werden, gehört der Vergangenheit an, denn niemand stehe autoritativ über ihm; der Mensch selbst sei der kosmische Mittelpunkt, um den sich alles dreht.

Hinter dieser selbstgefälligen Einschätzung lässt sich Ayn Rands objektivistische Vorstellung des Menschen als heroisches Wesen erblicken sowie Friedrich Nietzsches Konzept des Übermenschen. Der homo sapiens sei nun in der Lage, sich seine eigene Realität durch kreative Ausflüge seiner Imagination zu schaffen. Seitdem die Vorstellung eines Gottes der Vergangenheit angehört, sieht er sich dazu berufen, so zu leben, wie es ihm gerade gefällt. Diese libertinistische Einstellung sollte jedoch nicht zu dem Fehlschluss führen, dass es sinnlos sei, moralische Grundsätze konsequent auszuleben. Dies ist nach wie vor erstrebenswert. Doch es bedeutet nicht mehr ein Befolgen absoluter Richtlinien ethischen Handelns, die außerhalb des menschlichen Bewusstseins existieren, sondern es meint, dass der Mensch seine Moral kontinuierlich aus freiem Willensentschluss verändert. Dabei sollte er im Besonderen darauf bedacht sein, alle Möglichkeiten seiner angeblich ultimativen Autonomie auszuschöpfen. Die persönliche Verantwortung beschränkt sich nicht auf das Befolgen einer absoluten Ethik, sondern sie ist Ausdruck einer radikalen Änderung des menschlichen Selbstverständnisses. Der utopische Wunschgedanke einer bis zur letzten Konsequenz vollzogenen Emanzipation von aller göttlichen Bevormundung wird zur Gewissheit einer realisierbaren Selbstverwirklichung. Man ist nicht mehr geschaffene Kreatur, sondern Urheber und Gestalter der eigenen Realität. Der Mensch, so wird postuliert, wird sich allmählich seiner eigenen Gottheit bewusst.

Wenn man nun annimmt, im Universum gibt es keinen Gott, sondern der Mensch bestimmt alleine, führt diese Einstellung unmittelbar zur Ablehnung aller Glaubenssysteme, die sich auf „religiöse Dogmen“, „blinden Glauben“ und „systematischer Irrationalität“ berufen. Das Wort „Dogma“ klingt in den Ohren eines Extropianer wie ein Fluchwort; er kann sich kaum etwas Schlimmeres vorstellen. Jeder ethische Maßstab, der dem Menschen aufgezwungen wird, ist gleichbedeutend mit einem Angriff auf das ultimative Recht des Menschen nach absoluter Freiheit und Transformation. Und dieser Angriff auf die autonome Persönlichkeitssphäre endet letztlich im Totalitarismus. Ich zitiere:

Zwang, ob nun zum vorgegebenen Zweck „des Gemeinwohls“ oder der schützenden Bevormundung des Individuums, akzeptieren wir nicht. Zwang bringt Ignoranz hervor und schwächt das Band zwischen persönlicher Entscheidung und persönlichem Ausgang, dadurch wird die individuelle Verantwortung zerstört.

Wenn die Extropianer das Wort „Freiheit“ verwenden, meinen sie nicht die Freiheit, das zu tun, was im allgemeinen Empfinden rechtens ist, sondern die Möglichkeit, das zu verwirklichen, was man selbst für Recht hält. Freiheit wird mit absoluter Autonomie gleichgestellt, einer konsequenten und unnachgiebigen Rückweisung aller fixierten Maßstäbe zugunsten der individualistischen Selbstbestimmung und Selbsttransformation.

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