Die transhumanistische Vision eines Übermenschen (4)
Als nächster Punkt wird der „Praktische Optimismus“ angesprochen. Das bedeutet: 1. Aktivieren von dynamischen Vorgängen in Erwartung positiver Resultate; 2. Bejahen eines rationalen, aktionsorientierten Optimismus; 3. Abrücken vom blinden Glauben und stagnierenden Pessimismus.
Stellt der so genannte „Grenzenlose Fortschritt“ die philosophische Grundlage des Extropianismus und Transhumanismus dar, so ruft der so genannte „Praktische Optimismus“ zur Handlung auf. Wenn sich die Wirklichkeit so darstellt, dass alle Grenzsituationen ultimativ verneint werden können, dann sind den Möglichkeiten der menschlichen Transformation keine Schranken gesetzt. Deshalb meint man, dass alle Glaubenssysteme, die irgendwelche Grenzen aufzeigen, dem Pessimismus verfallen sind. Behindern sie denn nicht die Entfaltung des angeblich unbegrenzten menschlichen Potentials? Ein so verstandener Pessimismus hemmt den menschlichen Fortschritt. Die Unkenntnis, die dem religiösen Glauben anhaftet, stellt sich der nötigen Evolution des Menschen in „posthumane“ Götter entgegen. Der Optimismus allein wird zur obersten Prämisse der Transhumanisten erhoben. Es ist nicht etwa ein Optimismus, der seine Augen vor den Problemen der Welt schließt. Vielmehr sieht er in ihnen kurzfristige Pannen, die durch Langzeitdenken überwunden werden können.
Man stellt sich vehement gegen die Tatsache des Todes. Seine Unvermeidbarkeit besitzt für Extropianer keine Gültigkeit mehr. Ungerecht wäre es, wenn man jetzt behaupten würde, die Transhumanisten seien einem Trugschluss verfallen, der ihnen die raue Wirklichkeit des Sterbens irreal erscheinen lässt. Ihre Zuversicht entspringt dem vermeintlichen Glauben, den Tod tatsächlich dank technologischer Errungenschaften überwinden zu können. Die rasante Entwicklung der Medizin, die die Lebensdauer durch Medikamente, operative Eingriffe, Organtransplantationen etc. verlängert hat, drängt zu dem Schluss, dass technologische Errungenschaften der Zukunft die Lebensdauer bis ins Unendliche verlängern werden. Den Zweiflern wird entgegengehalten, dass vor 200 Jahren die medizinische Wissenschaft nie geglaubt hätte, dass das Leben durch künstliche Herztransplantation verlängert werden könne. Keiner der damaligen Chirurgen hätte sich eine Nierentransplantation vorstellen können. Aber wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, wo diese Maßnahmen und vieles mehr machbar sind. Wieso sollten wir dann meinen, dass in der Zukunft nicht noch weit mehr zuwege gebracht werden könne? Wir haben bis heute ungeheuer viel erreicht; es steht zu erwarten, so meinen die Extropianer, dass wir bald noch viel mehr erreichen werden können – und zwar in zunehmendem Tempo und in grandioserem Stile. Was wir in der Vergangenheit zu tun vermochten, können wir wieder und immer wieder vollbringen. Wir geben uns das ewige Leben selbst.
In den „Extropianischen Prinzipien“ differenziert More zwischen zwei gegensätzlichen Formen des Optimismus. Er vergleicht den „Praktischen Optimismus“ der Extropianer mit dem, wie er meint, „passiven Glauben“ des Christentums. Diese „Passivität“ sei aber eine dem menschlichen Fortschritt und der Freiheit restriktiv entgegen gesetzte Macht. Der Extropianismus hingegen biete dem Menschen eine positive Zukunftshoffnung an, die sich auf das vermeintlich unbegrenzte menschliche Potential bezieht. Dem „Praktischen Optimismus“ läge eine zwingende Logik zugrunde, die sich auf die technologischen Errungenschaften der Vergangenheit beruft, während der christliche Glaube ohne rationale Begründung nach einem „illusorischen Himmel“ Ausschau hält. So etwas wie eine leibliche Auferstehung und himmlische Seligkeit gebe es einfach nicht. Eine grundsätzliche Antithese bestehe zwischen einem irrationalen Fideismus, wie er anscheinend im Christentum vorherrscht, und dem „Praktischen Optimismus“, wie er vorgeblich im Transhumanismus zutage tritt. Es sei der blinde Glaube des einen an eine jenseitige Welt und die unverbrüchliche Zuversicht des anderen auf eine diesseitige Existenz. Ein vollkommenes Leben im Himmel stehe nämlich nur dann in Aussicht, so karikiert More die christliche Zukunftserwartung, wenn sich der nach Strohhalmen greifende Mensch einem starren und unvernünftigen Dogmatismus preisgibt. Somit bringe der Glaube an das ewige Heil nichts als irrationales Verhalten hervor. Die illusionären Versprechungen des Christentums könnten nur unter krampfhaftem Festhalten am Irrealen den trügerischen Schein des Wirklichen annehmen. Offensichtlich hat More die Kernaussagen des Christentums falsch verstanden, oder er bemüht sich nicht, sie objektiv darzustellen.
Der „Praktische Optimismus“ der Extropianer ist aber nicht nur mit dem Christentum unvereinbar, sondern steht jedem Glauben an eine bessere Zukunft entgegen, der im Lösen der menschlichen Probleme auf eine externe Macht setzt. Dabei spiele es keine Rolle, ob diese Macht nun Gott, Staat oder Schicksal heißt. Nur das in völliger Eigenregie handelnde Individuum kann das Paradies auf Erden schaffen. Der Glaube an ein höheres Wesen oder die Dr. Pangloss Version des Optimismus verleite zur Passivität, indem sie dem Menschen vorgaukelt, er sei nicht selbst für die Verbesserung seiner Lebenslage verantwortlich. Diese Glaubenseinstellung müsse als Scheinhoffnung entlarvt werden.