Die transhumanistische Vision eines Übermenschen (5)

Max More ist sich der letzten Konsequenz seines Atheismus bewusst. In direktem Bezug auf Nietzsche und Voltaire verkündigt er, dass wir nur an uns selbst zu glauben haben. Nur diese Glaubenseinstellung sei verantwortungsvoll und zukunftsorientiert.

Das vierte Prinzip lautete: „Intelligente Technologie“. Das bedeutet: Kreatives Anwenden von Wissenschaft und Technologie, um ‚natürliche’ Grenzen zu überschreiten, die durch unser biologisches Erbe, unsere Kultur und Umgebung vorgegeben sind.

Die Anwendung der Technologie, die der Extropianer anpreist, ist nicht einfach der Gebrauch der Technologie, um Leiden zu mindern oder Abnormalitäten zu korrigieren. Es ist die ganze Transformation der menschlichen Biologie in eine „posthumane“ Zukunft, eine radikale Metamorphose der Menschheit in eine Computer gesteuerte Maschinenexistenz. Die Flucht aus dem Menschsein kann angeblich nur so ermöglicht werden. Denn Menschsein wird mit Sterblichkeit gleichgesetzt. Möchte man also die Sterblichkeit überwinden, bleibt nur die Option einer radikalen Modifikation der jetzigen Lebensbedingungen.

Der Begriff „Deanimalisation“ wird verwendet, um den Übergang der Gehirnmasse des Menschen aus der Umklammerung eines fleischlichen Körpers in die „Freiheit“ einer künstlichen Umgebung zu umschreiben. Der Begriff „transhuman“ bezeichnet den dazwischen liegenden Prozess der „Deanimalisation“ von Mensch qua Mensch (Humanität) in Mensch qua Maschine (Posthumanität). Das ultimative Ziel der Extropianer ist die Unsterblichkeit in einem grenzenlosen Universum. Um diese utopische Vision zu verwirklichen, muss sich der Mensch über seine jetzige Situation und Beschaffenheit hinaus entwickeln. Nur so könne die schreckliche Geisel der Vergänglichkeit überwunden werden. Man meint, dieses Ziel mittels des so genannten „uploading“ zu erreichen. „Uploading“ bezieht sich auf die Fähigkeit, den menschlichen Verstand zu kopieren, seine gesamten Erinnerungen und neurologischen Verbindungen auf eine Art elektromagnetisches Langzeitgedächtnis (z. B. einer Computerfestplatte) zu speichern. Sollte dies gelingen, könne der homo machina als digitales Wesen in Computernetzwerken herumgeistern oder auf alternative biologische oder synthetische Organismen übertragen werden. Seine ewige Existenz sei somit gewährleistet – zumindest solange wie der Strom fließt und die Computersysteme nicht zusammenbrechen. Während viele Wissenschaftler das „Uploading“ für reine Illusion halten, sehen die Extropianer in ihm die logische und unumgängliche Weiterentwicklung technologischer und genetischer Möglichkeiten, um die posthumane Welt zu schaffen.

Extropianer sind geradezu versessen auf die Umsetzung der technologischen Erweiterung unserer biologischen Anlage. Dass dies zu einer Faszination mit der neuesten Wissenschaft führt, ist nur zu verständlich. Endlose Diskussionen über technologische Errungenschaften füllen die Seiten des Extropy Journals und anderer transhumanistischen Veröffentlichungen. Alle nur erdenklichen Themen naturwissenschaftlicher Forschung von der Astronomie bis zur Nanotechnologie werden angesprochen. Eric Drexlers Bücher mit den Titeln „Engines of Creation“ und „Nanosystems“ sind die Bibeln der Extropianer, die den Weg in die Zukunft der Nanotechnologie aufzeigen. Es wird die zukünftige Entwickelung von winzigen Robotern beschrieben, die auf molekularer Ebene operieren, um den menschlichen Körper zu reparieren und zu verbessern.

Um vom Hier (Humanität) zum Dort (Posthumanität) zu gelangen, ermutigen die Extropianer nicht nur eine beschleunigte Weiterentwicklung der Informatik, wie künstliche Intelligenz, synthetisches Leben und neurologische Netzwerke, sondern sie stellen auch die Tugenden solcher heute noch eher exotisch anmutenden Forschungszweige heraus wie Cryonics, “smart drugs“ und Nanotechnologie. Es gibt eine ganze Subkultur der „smart drug“-Enthusiasten, die lebensverlängernde Chemikalien wie „deprenyl“ und „coenzyme Q10“ anpreisen, um die Lebensdauer eines Methusala zu erreichen. Von so genannten „nootropischen“ Medikamenten wie „prozac“, „zoloft“ und „paxil“ wird behauptet, dass sie die kognitativen Fähigkeiten steigern. Ein besser funktionierendes Gedächtnis würde zur neurologischen Gesundheit Grundlegendes beitragen. Natürlich sind die traditionellen psychedelischen Drogen wie LSD und Pilze ebenso annehmbare Mittel der „Bewusstseinserweiterung“, weil sie, wie Max More meint, eine radikale Veränderung unserer Perspektive über unser Leben und unsere Mitmenschen hervorbringen. Sie öffnen vorgeblich eine großartige Schau in neue Lebensweisen.

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