Technologische Apotheose
Vor unseren Augen laufen diverse Initiativen der Integration auf vielen gesellschaftlichen Ebenen ab. Das Bündeln der Kräfte im Formieren größerer sozioökonomischen Konstellationen nehmen wir besonders in der Politik und Wirtschaft wahr. Selbst in dem heterogenen Wirkungsbereich der Technologien spielt sich Ähnliches ab. Die sich in ihren äußeren Konturen von allem Bisherigen deutlich abhebende Konvergenz der NBIC Technologien und Wissenschaften (Nano-, Bio-, Informations- und Kognitionswissenschaft) eröffnet der Technisierung der Medizin ganz neue Möglichkeiten.
Mittels des koordinierten Einsatzes dieser „konvergierenden Technologien“ (converging technologies) liegt eine Vielfalt neuer Kombinationen von organischer und anorganischer Materie im Bereich des Machbaren. Die neuen Applikationen technologischer Fertigkeiten wecken utopische Hoffnungen, einen entscheidenden Durchbruch in der effizienten Kooperation von Mensch und Maschine zu erzielen. Nanotechnologie bietet die Möglichkeit, Materie so zu manipulieren, dass Moleküle künstlich hergestellt und arrangiert werden können, um die verschiedenartigsten Produkte „von Grund auf“ herzustellen. Biotechnologie liefert das Wissen, wie die Natur Werkzeuge der molekularen Manufaktur einsetzt, um Information und Materie zu manipulieren. Informationstechnologie bietet die theoretische Voraussetzung der Herstellung einer Fülle von datenverarbeitenden Medien, um komplexe adaptive Systeme unter Einbeziehung der Kenntnisse einer der molekularen Ebene spezifischen Verhaltensweise „höherer Ordnung“ zu entwickeln, die die Übertragung von abstrakter Information in konkrete Vorgänge begünstigt. Selbst Bakterien können als Informationsträger im Bereich der Datenverarbeitung eine disponible Rolle spielen, die in ihrer revolutionären Effizient noch gar nicht auslotbar ist.
Die Materialwissenschaft steht ebenfalls kurz vor der Einführung neuartiger Methoden im Herstellen synthetischer Stoffe mittels der Übertragung organischer Moleküle. Den einschneidenden Ergebnissen dieses wissenschaftlichen Durchbruchs schaut man hoffnungsvoll entgegen. Besondere Beachtung findet die mit Spannung erwartete Überschreitung der Demarkationslinien zwischen biologischer und unbiologischer Materie, zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz und zwischen organischem Kohlenstoff und unorganischen Siliziumverbindungen.
Als erstes Beispiel einer erfolgreichen Implementierung integrierter Technologien kann die Synthese einer neuen Klasse „intelligenter“ Werkstoffe angesehen werden, die die vielfältige Funktionalität lebender Organismen emulieren, um das kreative Zusammenspiel von Information und Materie teleologisch zu steuern, sowie Energie in diversen Formen zu transportieren und nutzbar zu machen.
Neuartige Einsatzbereiche in der Medizin umschließen z.B. die Entwicklung innovativer Diagnosemethoden und synthetischer Implantate, die Verwendung von Chiptechnologie in der Neurochirurgie sowie die Applikation von Nanopartikeln bei der Behandlung von Krebszellen. Die Neuromedizin sieht der auf nanotechnologischen Erkenntnissen beruhenden Applikation von Diagnosegeräten und Heilmethoden mit einer gehörigen Portion Optimismus entgegen. Dabei darf aber die sich aufdrängende Problematik einer mittels neuartiger Eingriffsmöglichkeiten in neurologische Abläufe des Gehirns durchführbare Veränderung der Identität, ja der eigentlichen Persönlichkeit eines Menschen, nicht übersehen werden.
Unleugbar zeichnen sich die teils besorgniserregende, teils wünschenswerte Mutation des Gesundheitswesens zu einer „Industrie der vielen Möglichkeiten“ ab. In der euphorischen Atmosphäre des Ausbruchs zu neuen Superlativen menschlicher Machbarkeit wird es notwendig sein, sich eingehend mit Technikfolgenabschätzung und Begleitforschung zu befassen. Das Recht eines Patienten auf Selbstbestimmung tritt vermehrt in Konkurrenz mit sozialen Zielsetzungen einer Gesellschaft. Neben den Wunsch, ein so beschwerdeloses Dasein wie möglich zu führen, tritt das Ansinnen, körperliche Funktionen weit über die natürliche Leistungsfähigkeit zu optimierten. Ist die operative Korrektur der Kurzsichtigkeit ethisch genauso akzeptable wie die Implantation elektronischer „Augen“, die das Spektrum der natürlichen Sehfähigkeit um ein Vielfaches erweitern?
Diese umwälzenden technologischen und wissenschaftlichen Entwicklungen stellt die Menschheit vor enorme ethische Herausforderungen. Der Grad der Manipulierbarkeit funktioneller Abläufe in Lebewesen unterschiedlichster Art, besonders des Menschen, ist so stark angewachsen, daß sich ernsthaft zu diskutierende Problemstellungen auftun, die massive Forderungen an die Wissenschaft und Politik stellen, für die globale Gesellschaft akzeptable Lösungen zu finden, die dem Gemeinwohl nicht abträglich, sondern förderlich sind. Zur Debatte stehen nicht nur Fragen, die sich vornehmlich auf den Anfang oder das Ende des Lebens beziehen, sondern auch solche, die alle Lebensabschnitte und -situationen grundsätzlich betreffen.
Die Bedeutung der Menschenrechte muß in diesem Kontext neu thematisiert werden. Wie sieht es konkret mit dem Sicherung der Privatsphäre aus, dem Anspruch auf physischen und seelischen Unversehrtheit oder dem grundsätzlichen Recht auf Gesundheit und Leben? Eine klare Abgrenzung von medizintechnischen Maßnahmen, die einerseits zur Bekämpfung pathologischer Zustände, andererseits zur Umwandlung der menschlichen Natur eingesetzt werden können, wirft die unvermeidliche Frage auf, wo Krankheit und Gesundheit beginnen bzw. aufhören. Ein unumstrittener Konsens in der Fachwelt ist in dieser Sache nicht mehr auszumachen. Die einstmals scharfen Konturen eines medizinischen Ehrenkodex sind mittlerweile dehnbaren Präferenzen der „Patienten“ gewichten. Es fehlen grundsätzliche ethische Richtlinien, wie man sinnvolle Krankheitsbehandlung von unsinniger Manipulation unterscheiden kann. Die einst starren Grenzlinien sind aufgeweicht worden. Eine der wichtigsten Fragen überhaupt lautet: Wer legt die Grundlinien fest eines schon ins Fließen geratenen Übergangs von Therapie und Optimierung?
Ein erstrebenswertes Ziel wird kaum mittelfristig erreicht werden können: die finanzielle Entlastung der Sozialsysteme, im Besonderen des Gesundheitswesens. Die Relation zwischen Kostenaufwand und Nutzeffekt, wie sie sich in der Entwicklung und Anwendung neuer Technologien auftut, ist bei gegenwärtigem Kenntnisstand nicht eindeutig festzulegen. Deutlicher denn je wird sich jedoch die sich schon seit geraumer Zeit abzeichnende Herausbildung einer Zweiklassenmedizin abzeichnen. Die soziale Kluft zwischen Reich und Arm wird neue Dimensionen annehmen, wenn die physische Optimierung bald zu einem nach außen hin deutlich erkennbaren Statussymbol erhoben wird. Was sich der Wohlhabende leisten kann, bleibt dem Armen vorenthalten. Schlimmer noch, die limitierten Ressourcen des medizinischen Dienstleistungsgewerbes werden vornehmlich dem Meistbietenden zur Steigerung seiner Leistungsfähigkeit angeboten. Man sucht nach allen Mittel und Möglichkeiten, um befähigt zu sein, sich mit größerer Durchsetzungskraft im Kampf ums Dasein zu behaupten. Einer Potenzierung elitärer Tendenzen in der Gesellschaft wird damit Tür und Tor geöffnet. Die überwiegende Mehrheit der sozial Schwachen in einer demokratischen Gesellschaft gerät dadurch noch mehr in den abwärtsziehenden Sog der Entmenschlichung, wenn sie sich der Dominanz menschlicher Mutanten unerbittlich ausgeliefert sieht.
Ein weiterer Bereich der Nutzanwendung konvergierender Technologien wird die Manufaktur von „intelligenten“ Waffensystemen und widerstandsfähigerem Kriegsmaterial sein. Die duale Forschung für zivile und militärische Zwecke ist und bleibt unvermeidlich. Es ist vorstellbar, ja im Interesse der nationalen Sicherheit wünschenswert, daß Soldaten zu menschlichen „Robotern“ umfunktioniert werden, um noch brutaler ihrem Geschäft des Todes nachkommen zu können. Die damit verbundenen Fragen des in eine neue Dimension tretenden mechanisierten Tötens, mit denen man sich bislang nur theoretisch auseinanderzusetzen brauchte, nehmen in der gegenwärtigen Fachdiskussion konkrete Formen an. Paradoxerweise meint man allerdings auch, daß die Geisel des Krieges, die seit eh und je die Krisenherde der Welt mit verheerender Wucht züchtigte, ebenfalls mittels technologischer Konvergenz eliminierbar sei.
Die Bannbreite von sicherheitstechnischen Herausforderungen erstreckt sich vom Datenschutz bis zum sogenannten „grey goo“, einer extrem negativen Version der Mätopie. Unkalkulierbare Auswirkungen können auch anläßlich einer unkontrollierbaren Diffusion von Nanopartikel entstehen. Eine ungewollte Freisetzung von für das menschliche Auge unsichtbaren Produkten der Nanotechnologie könnte im schlimmsten Fall zu einer Naturkatastrophe unvorstellbaren Ausmaßes führen. Der Kontaminationsgrad von Mensch und Umwelt bleibt selbst bei gewissenhaftester Technikfolgenabschätzung letztlich unberechenbar.
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