Vitalismus (1)

Die Bezeichnung „fin de siècle“ kennzeichnete nicht nur den Übergang des 19. ins 20. Jh.; sie steht vor allem für die degenerativen Auswüchse in Europa zur Zeit des Jahrhundertwechsels. Historiker der Geistesgeschichte bestimmen meist die Jahre 1912-1913 als eigentliches Ende des in kultureller und intellektueller Hinsicht so einzigartigen 19. Jh.s. Die im August 1914 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges sich einstellenden ökonomischen, politischen und sozialen Katastrophen waren unverkennbare äußere Kennzeichen eines geschichtsträchtigen Umbruchs der westlichen Kultur, Wirtschaftsordnung und Regierungsformen. Dialektische Kräfte des Rationalismus und Irrationalismus standen sich wie tektonische Platten gegenüber, die in ihren permanent aufeinander stoßenden Bewegungen gewaltige Eruptionen verursachten. Die sich mitten durch die europäische Gesellschaft hindurch ziehenden Spannungslinien konnten schnell ausgemacht werden. Einem exzessiven Streben nach sozialem Fortschritt und materiellem Wohlstand, das sich in einer breiten Akzeptanz des Positivismus und Szientismus manifestierte, standen zerstörerische Kräfte gegenüber, die aus den trüben Quellen des Hedonismus und Nihilismus schöpften. Das gesellschaftliche Chaos, das im Laufe des großen Krieges hauptsächlich über die Völker Mitteleuropas hereinbrach, begünstigte revolutionäre Umtriebe. Die bolschewistische Machtübernahme in Russland war die logische Folge einer ausgebluteten und von den Kriegswirren stark in Mitleidenschaft gezogenen Bevölkerung, die ihr Heil in Lenins Kommunismus suchte. Mit ihrer Anfang November 1917 in Szene gesetzten Revolution rissen die Bolschewisten die revolutionäre Initiative an sich, die im vorausgegangenen März noch in den Händen der Menschewiken lag. Eine Reihe anderer, teilweise kurzlebiger Putschversuche und Regierungsumstürze fanden in Ungarn und Bayern (Münchner Räterepublik) statt. Selbst die den deutschen Delegierten aufgezwungene Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrags bereitete 1920 den Boden vor für die Totalisierung der deutschen Politik, die in die nationalsozialistische Schreckensherrschaft einmündete und in der völligen Vernichtung des Dritten Reiches gegen Ende des Zweiten Weltkrieges enden würde.

Nicht nur die politischen Strukturen, sondern auch die sozialethischen Verhaltensweisen änderten sich grundlegend. Sexuelle Freizügigkeit rückte an die Stelle einer biederen Bourgeoisie-Moralität. Dass die Moderne Einzug gehalten hatte, nahm das konservative Bürgertum in einer ihrem Geschmack zuwiderlaufenden, pervertierten Ästhetik wahr, die das Aufkommen eines surrealen und abstrakten Kunststils begünstigte.

In der letzten Dekade des 19. Jh.s hatte sich eine neue Lebensphilosophie ausgebildet, die die intellektuelle Zustimmung der kulturellen Avantgarde erhielt. Eine neuheidnische Weltanschauung verbreitete sich von den Straßencafes der bohemischen Kultstätten – München, Paris und Wien – in alle Windesrichtungen.

Der bekannte Journalist und Sozialkritiker Max Nordau (1849-1923) verband mit der Bezeichnung „fin de siècle“ die ganze Litanei moderner Ausdrucksformen, die einer nihilistischen Grundhaltung entsprangen. Schnell avancierte er neben dem etwas später in Erscheinung tretenden Oswald Spengler zum paradigmatischen Propheten des Unterganges; seine eindringlichen Mahnrufe richtete er an ein Zeitalter, das von der grauenhaften Wahnvorstellung beseelt war, in einer Welt leben zu müssen, die unwiderruflich der Degeneration, des Zerfalls und der Dekadenz verfallen ist. In seinem berühmten Buch Degeneration (1895) stellte er die zersetzenden Elemente in Philosophie, Musik und Literatur an den Pranger. Nichts Gutes konnte er den philosophischen Gedankengebäude Schopenhauers, Nietzsches und von Hartmann abgewinnen. Auch dem Dekadentismus, Symbolismus und Naturalismus fehlte ihm zufolge das tragende Substrat einer in sich konsistenten Weltanschauung, die dem Westen einen moralischen Halt bieten könne. Die darstellende Kunst mit ihrer Faszination an abstrakten Formen, die besonders das Groteske und Abscheuliche des Lebens visuell zum Ausdruck brachte, stellte das enorme Ausmaß der alle Lebensbereiche durchsetzenden Entartung offen zur Schau. Nordau legte die marode Lebensführung seiner Zeitgenossen dem exzessiven Alkohol- und Drogengenuss breiter Bevölkerungsschichten zur Last. Die epidemieartige Verbreitung von Geschlechtskrankheiten unter den Großstadtbewohnern der im Zuge der Industrialisierung vielerorts aus der Retorte gehobenen Arbeitervierteln Europas stellte er genauso krass ins Licht seiner anklagenden Schrift, wie die Weitergabe genetischer Defekte von einer ausgezehrten Generation zur anderen. Seine fast krankhafte Obsession mit der Zersetzung des Erbguts spiegelte nur ein besonderes Interesse vieler Europäer des ausgehenden 19. Jh.s wider, die von dem Albtraum des möglichen Aussterbens ihrer eigenen Familienlinie verfolgt wurden. Obgleich man die Hoffnung hegte, eine Wertminderung der genetischen Wesensart einer Volksgruppe mittels verbesserter Lebens- und Arbeitsbedingungen entgegenzuwirken, legte sich dennoch eine pessimistische Grundstimmung auf die Gemüter der Intellektuellen, die den allmählichen mentalen und physischen Abstieg in ein kulturelles delirium tremens einer von jeglicher bürgerlicher Moral emanzipierten Gesellschaft befürchteten.

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