Vitalismus (2)

Das sich gegen Ende des 19. Jh.s vermehrt in Szene setzende Neuheidentum war beseelt von dem Glauben, dass nicht die Göttlichkeit Jesu, sondern der menschliche Wille Objekt der Anbetung sein sollte. Das herausragende Kennzeichen diese Bewegung war die Betonung der Individualität; den Gemeinsinn einer in Harmonie lebenden Gesellschaft hatte man längst gegen die Vision eines sein eigenes Schicksal in die Hand nehmenden Heroen ausgetauscht, wie sie Nietzsche trefflich in Also Sprach Zarathustra in Worte fasste. Zeitgenössische Novellisten machten sich die nihilistische Weltanschauung des den Übermenschen idealisierenden Philologen zueigen, um ihren eigenen Wunsch zu rechtfertigen, die Gegenwart als dystopische Schreckensbilder heraufbeschwörende Wirklichkeit zu diffamieren. Die in Bram Stokers Roman Dracula dargestellte Gestalt stellte metaphorisch so genial wie keine andere den empfundenen Horror einer dem Untergang geweihten Zivilisation dar. So empfanden es zumindest viele Menschen, die dieses Buch seit seiner Veröffentlichung 1897 gelesen haben. Die These dieses permanent in Druck befindlichen Werks hatte etwas Schauerliches an sich. Der seit Hunderten von Jahren tote König der Vampire käme in der Nacht zum Leben, um die Menschen mit seinem Todesbiss zu peinigen. Dieses Ungeheuer entziehe unaufhaltsam die Vitalität des Blutes aus den Körpern seiner wehrlosen Opfer, ohne ihnen die Chance der Gegenwehr zu geben.
Wenngleich Nietzsches Philosophie die pessimistische Stimmung seiner Zeit intuitiv erfasste und wortgewaltig wiedergab, schien sein hartes Lebensschicksal geradezu exemplarisch zu sein, um die Tragik einer gottverlassenen Existenz ins Licht zu stellen. Eine gewisse Ironie liegt in der Tatsache, dass die meisten Leser mit seinem alle christlichen Wertmassstäbe negierenden Gedankengut in Berührung kamen, als er längst in geistiger Umnachtung jahrzehntelang ein gequältes Dasein fristete. Ungeachtet dessen gründet das hohe Ansehen Nietzsches in den Augen seiner Verehrer auf dessen so vehement zum Ausdruck gebrachten Schmähungen des christlichen Gottes, den er als Imagination einer krankhaften Seele in die Vergessenheit des Todes verbannen wollte, um damit seiner nach absoluter Macht strebenden Generation den vermeintlichen Weg zur irdischen Vollkommenheit zu weisen.
Mit den überheblichen Worten, „Ich bin Dynamit“, stellte sich Nietzsche programmatisch als Verkünder einer neuen Ethik in der 1908 veröffentlichten Schrift Ecce Homo in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Als er diesen selbstherrlichen Gedanken niederschrieb, konnte er nicht ahnen, dass er erst acht Jahre nach seinem Tod gedruckt und verbreitet werden würde. Seine Anhängerschaft wuchs jedoch sprunghaft unter Theologen und Philosophen, Psychiatern und Psychoanalytikern, Anarchisten und Bohemien an. Das von ihnen geschätzte Manifest einer konventionelle Werte auf den Kopf stellenden Moral rief dazu auf, die Sozialordnung dank einer Rückbesinnung auf die im unbeugsamen Willen des Menschen schlummernden, regenerativen Kräfte von Grund auf zu verändern.
Dass das Festspielhaus in Bayreuth zu einer viel besuchten Kultstätte avancierte, in dem Richard Wagners Opern Motive der nordischen Mythologie in klangvollen und spektakulären Inszenierungen aufgriffen und einem begeisterten Publikum nahe brachten, war nur ein Indiz dafür, dass die kulturelle Elite Geschmack am Irrationalismus gefunden hatte. Ein anderes war der phänomenale Zulauf spiritualistischer Vereinigungen, die wie Helena Blavatskys Theosophie oder Rudolf Steiners Anthroposophie einzelne Aspekte fernöstlicher Religionsphilosophie mit okzidentaler Esoterik verbanden. Auch die den Pessimismus glorifizierenden Philosophien Schopenhauers und von Hartmanns enthielt Elemente asiatischer Religionen.

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