Vitalismus (3)
Die turbulente Epoche des „fin de siècle“ gab der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Parapsychologie den entscheidenden Impuls. Renommierte Gelehrte widmeten sich vermehrt der Untersuchung übernatürlicher Phänomene. Die spiritistischen Fähigkeiten medial veranlagter Individuen wurden akribisch analysiert. Automatisches Schreiben sah man als gültige Methode der Psychologie an, die imaginären Regungen des Unterbewusstseins zu erforschen. Mit der 1882 erfolgten Gründung der „Society for Psychical Research“ in England wurden neue Möglichkeiten erörtert, wie das Unterbewusstsein mit Geistern im Jenseits in Verbindung treten könne. Die dieser Gesellschaft angehörigen Wissenschaftler und Philosophen setzten ihren Ehrgeiz daran, ihre Forschungsergebnisse und Theorien anhand zahlreicher Veröffentlichungen einem breiten Publikum zu unterbreiten. Frederick Myers (1843-1901) formulierte die von den Psychologen am meisten beachtete Theorie eines „subliminalen Ichs“.
Prominente Altphilologen und Theologen der „Religionsgeschichtlichen Schule“ bemühten sich um die Jahrhundertwende, den heidnischen Kulten der Antike einen neuen Stellenwert in der allgemeinen Bildung ihrer Volksgenossen zu geben. Im christlichen Abendland verloren die Götter der Antike zusehends das Stigma, Repräsentationen satanische Mächte zu sein. Das von kirchlicher Seite aus über Jahrhunderte hinweg aufrechterhaltene Tabu, sich mit heidnischer Mythologie und schwarzer Magie zu beschäftigen, verlor seine auf geistlichen Sanktionen beruhende, Angst einflössende Wirkung. Vornehmlich die hellenistischen Mysterienkulte weckten ein großes Interesse unter den Intellektuellen, als die neu konstituierte Religionswissenschaft in ihren vergleichenden Studien feststellte, dass die vorderasiatischen Mysterienkulte viele oberflächliche Gemeinsamkeiten mit einzelnen Aspekten des frühen Christentums aufwiesen.
Ein weiteres Kennzeichen des „fin de siècle“ war das Aufkommen einer gemeinhin unter der Benennung „Lebensphilosophie“ bekannt gewordenen Weltsicht. Als ein wesentlicher Ableger der vitalistischen Tradition verbreitete sie sich seit 1870 über das wilhelminische Deutschland hinaus auf alle Länder Zentraleuropas. In der Propagierung einer Erfahrungsphilosophie, in der das Erlangen unmittelbarer Erkenntnis an oberster Stelle stand, fundierte der Vitalismus auf der Grundeinstellung, dass die Intuition weit höher zu werten sei als die Vernunft. Ein elitäres Bewusstsein durchzog das Selbstverständnis der Vitalisten, weil sie meinten, die intuitive Fähigkeit sei nur einer bestimmten Schar Auserwählter gegeben. Die wachsende Kommune der Lebensphilosophie-Neophyten verstand sich selbst als eine Art geistliche Aristokratie. Der anfängliche Agnostizismus eines subjektiven Idealismus entwickelte sich unter vitalistischem Einfluss zu einem „objektiven“ (sich am Mythos orientierenden) Mystizismus. Das geistige Beschäftigen mit der sagenumwobenen Welt alter Mythen gab den Lebensphilosophen einen interpretativen Bezugspunkt, von wo aus sie das eigentliche Gefüge der Realität zu ergründen suchten, um ihre persönliche Lebenserfahrung damit in Einklang zu bringen.
Unter den führenden Propagandisten der Lebensphilosophie befanden sich so namhafte Gelehrte und Literaten wie Wilhelm Dilthey, Georg Simmel, Oswald Spengler, Karl Jaspers, Martin Heidegger und Henri Bergson. Die ins Deutsche übersetzten Bücher Bergsons erschienen um 1908 im Eugen Diederichs Verlag und trugen wesentlich zur Popularisierung der Theorie einer allgemeinen psychischen Energie bei, die das Unterbewusstsein aller Menschen beeinflussen würde.